Nichts für Sitzenbleiber

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Viele Kinder sitzen den ganzen Tag nur herum, in der Schule oder vorm Computer. Die Ballschule Heidelberg bringt sie wieder in Bewegung und zeigt, wie viel Spaß Sport machen kann.

 

Paul kneift die Augen und Lippen zusammen. Er hat das Ziel fest anvisiert, eine große Holzkiste zwei Meter vor seinen Füßen. Für den kleinen Mann von gut einem Meter Körperlänge ist das ziemlich weit weg. Er holt aus, als wolle er sich die Schulter auskugeln, und pfeffert den Schaumstoffball in die Kiste. Dreimal hat er schon getroffen, ein Dutzend Bälle liegt aber noch vor ihm. Louisa löst die Übung pragmatisch: Sie schichtet ihre Bälle auf einem Frisbee zu einer Pyramide, marschiert zur Kiste und versenkt alle auf einen Streich. Da muss selbst Trainerin Heike Fleischmann lachen. Gegen kreative Lösungen hat sie nichts, solange die Kinder bei ihr in Erding, in einem Stützpunkt der Ballschule Heidelberg, eines lernen: was man mit Bällen alles machen kann. Ob sie geworfen, gekickt oder balanciert werden, ist am Ende des Tages ganz egal. Hauptsache, es war Bewegung im Spiel.

Davon nämlich bekommen Kinder heute viel zu wenig, beklagen Pädagogen und Ärzte – und immer mehr Studien von Sportwissenschaftlern belegen dies. Nicht einmal jedes dritte deutsche Kind bewegt sich so, wie es die Weltgesundheitsorganisation für nötig erachtet: Mindestens 60 Minuten sollten Kinder täglich toben, Rad fahren oder Treppen auf und ab flitzen. Doch mehr als die Hälfte des Nachwuchses schafft nicht einmal 50 Minuten, ergab eine bundesweite Studie des Robert-Koch-Instituts. Und je älter sie werden, desto weniger bewegen sie sich: Nur zwölf Prozent der Jungen und acht Prozent der Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren sind sportlich so aktiv, dass sie sich gesund entwickeln. Wer nun meint, es ginge hier nur um ein paar Minuten mehr oder weniger, der irrt gewaltig.

 

Mit der fehlenden Bewegung leidet auch der Stoffwechsel, warnen Sportwissenschaftler. Der Transport von Nährstoffen, das Nervenwachstum, sogar die Durchblutung des Gehirns wird angeregt, wenn sich Arme und Beine bewegen.

 

Dass es immer weniger Kinder gibt, die viel Zeit des Tages draußen verbringen, und immer mehr Computerkids, die Finger krümmen, um Fernseher, Spielkonsole und Computer zu bedienen, hat Folgen: Jedes siebte Kind ist übergewichtig und es werden ständig mehr.

 

Fast jedes zweite Kind hat bei der Einschulung Haltungsschäden. Von den Motorikschwächen ganz zu schweigen. Dass viele Kinder kaum noch Arme und Beine bewegen können, fiel auch Trainerin Heike Fleischmann auf. Sie betreibt bei Fürstenfeldbruck eine Tennisschule, „doch es wird immer schwieriger, den Fünf- bis Sechsjährigen das Tennisspielen beizubringen, wenn die nicht mal mehr einen Ball werfen und wieder fangen können“, sagte die Diplomsportlehrerin bereits vor zwölf Jahren. Als sie auf einem Kongress von der Ballschule Heidelberg hörte, brachte das einiges ins Rollen.

Das Konzept der Ballschule stammt von Klaus Roth, Professor für Sport an der Universität Heidelberg. Der hatte in vielen Untersuchungen einen Motoriknotstand festgestellt und daraus 1998 ein Trainingsprogramm entwickelt, mit dem schon Zwei- bis Dreijährige spielerisch das Laufen, Werfen und Balancieren üben können. Die Ballschule wird von den Stiftungen von SAP-Gründer Dietmar Hopp und Finanzunternehmer Manfred Lautenschläger unterstützt und ist mittlerweile das größte Kindersport-Förderprojekt der Republik: Rund 150 Kindergärten, 200 Grundschulen und Sportvereine machen mit und bringen rund 15 000 Kinder in Bewegung.

Da findet nun das statt, was früher noch auf der Straße passierte“, sagt Gründer Klaus Roth, „und die Effekte sind messbar, besonders bei den Teilprogrammen für Übergewichtige, Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen und Körperbehinderte.“ Die Teilnehmer dieser Programme werden beweglicher und können sich besser konzentrieren. Bei Kindern mit Sprachstörungen und bei Heranwachsenden aus Migrantenfamilien stellt Roth fest, dass die Bewegung bei ihnen auch das Sprechen fördert. Reden kann Paul ganz gut. Lauthals erklärt er der Gruppe der Vier- bis Sechsjährigen, wieso sie ihm ganz genau zuhören sollten.

Bällen abzuwerfen: „Das Spiel ist erst vorbei, wenn alle Dosen weg sind.“ Erst dann können alle aufräumen, wild durcheinanderlaufen und sich gegenseitig die Schaumstoffbälle wegschnappen, die sie bei den letzten Spielen in der Halle verteilt haben. „Das wird lustig“, freut sich Louisa. Also kneift Paul gleich doppelt konzentriert ein Auge zu. Er ist schon 40 Minuten voll bei der Sache, momentan unter erschwerten Bedingungen. Denn nebenan balgen sich die Älteren um die Badmintonschläger, die Trainer Norbert verteilt. Mit denen soll jeder versuchen, seinen Federball so lange wie möglich in der Luft zu halten. „Durchhalten ist das Wichtigste“, sagt Heike Fleischmann. Sie betreut mehrere Hundert Kinder als Außenposten der Ballschule im Münchener Umland. Und sie hat beobachtet: Die Kinder müssen mindestens einmal pro Woche kommen und auch dabeibleiben, damit man einen Fortschritt merkt. „Die meisten haben aber schon im Grundschulalter den vollen Freizeitstress: Die lernen nebenbei Englisch, gehen zur Musikschule oder zum Schwimmen. Da muss erst mal Zeit für die Ballschule bleiben“, sagt sie. Manche Mütter am Spielfeldrand beäugen die Bewegungsübungen entsprechend kritisch und wundern sich: „Mein Kind soll Fußballspielen lernen und nicht bloß Bälle werfen.“ Den Bewegungstrainern ist dagegen genau das wichtig: Hier soll alles Spaß machen. Die Kinder sollen frei spielen und nicht zu früh auf eine Sportart getrimmt werden, das ist das Konzept. Nur so bekommt die Motorik später Hand und Fuß. Deshalb hilft Trainer Norbert, wenn einem Schützling ständig der Federball vom Schläger hüpft. Und, wenn zwei Gruppen aufs Tor schießen, sorgt er für den Ausgleich, damit es weder Gewinner noch Verlierer gibt. Zumindest nicht während des Trainings, denn den Kindern kann man regelrecht dabei zusehen, wie sie allein im Lauf einer Stunde an Selbstständigkeit und Spaß gewinnen. Manche kleinen Sportler, die anfangs den Rockzipfel ihrer Mütter nicht loszulassen wagten, sind am Ende kaum noch vom Ball zu trennen. Und selbst nach langen 60 Minuten sind die Vierjährigen sofort bei der Sache, als Chefin Heike alle in der Mitte des Spielfelds zusammentrommelt.